Nichts für Sensibelchen: Dieses Foto ist zu verstörend für Instagram

Ein Foto des litau­ischen Foto­grafens Tadas Kazakevicius zeigt einen ästhetisch-inszenierten geschlach­teten Hahn. Für Instagram ist das deutlich zu viel. Die Social-Media-Plattform stuft das Bild als sensiblen Inhalt ein und spielt es nur verschwommen aus. In einer Zeit, in der in Deutschland jährlich hunderte Millionen Hühner geschlachtet werden, scheint das paradox. Steht dieses Foto und die Reak­tionen darauf stell­vertretend für die seltsame Beziehung, die unsere Gesell­schaft zu Fleisch hat?

Dürre Lege­hennen mit zerrupften Federn am Leib, die in dunklen Ställen eingep­fercht sind. Männliche Küken, die einfach lebendig geschred­dert werden, weil sie für unser System der Lebensmittel­produktion nichts taugen. Mast­hähnchen, die bereits ein paar Wochen nach ihrer Geburt unter ihrem eigenen Gewicht zusammen­brechen. Viele Menschen dürften diese Bilder aus Nach­richten und Dokumentar­filmen kennen. Oft lösen sie Empörung aus – wenn auch in der breiten Masse nur für kurze Zeit.

User müssen aktiv zustimmen, um das Foto wirklich sehen zu können

Das Foto, das vergan­gene Woche auf dem Instagram-Kanal des Fotografie-Magazins „Fisheye“ gepostet wurde, zeigt ebenfalls einen Hahn. Geschlach­tet, gerupft und noch roh. Eben wie ein küchen­fertiges Hähnchen vor der Zube­reitung so aussieht. Das allein wäre abge­sehen von der ästhe­tischen Inszenierung kaum erwähnens­wert gewesen. Doch Instagram spielt das Foto ver­schwommen aus und hat es mit dem Kommentar „Dieses Foto enthält sensible Inhalte, die einige Menschen als anstößig oder verstörend empfinden könnten.“ versehen. User müssen aktiv zustimmen, um das Foto wirklich anschauen zu können.

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The jury of the Leica Oskar Barnack Award has announced the names of the 2019 finalists. Twelve international photographers questioning the relationship between man and environment (link in bio). • Le jury du Leica Oskar Barnack Award a dévoilé les noms des finalistes. Douze photographes internationaux interrogeant la relation entre homme et environnement (lien dans la bio). • 📷 : Tadas Kazakevicius (@tadas.kazakevicius) • #Fisheyelemag #Leica #Leicagram #TheLeicaLook #LOBA2019 #LOBA #OskarBarnack #oskarbarnackaward #leicaoskarbarnackaward #Leica_World #Leica_Club #Leica_Society #LeicaPhoto #contemporary #contemporaryphotography #contemporaryphotographer #potd #picoftheday #photooftheday #inspiration #chicken #poulet #soontobegone #series #Lithuania #tadaskazakevicius #documentaryphotography #documentaryphotographer

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Insta­gram will so Nutzer vor eventuell unange­brachten Fotos schützen. Doch die Tatsache, dass die Social-Media-Plattforrm das Foto eines einzigen toten Hahns als verstörend einstuft, während allein in Deutsch­land jährlich 622 Millionen Hühner in feinster Fließband-Manier geschlachtet werden, scheint absurd.

Ich empfinde es als seltsam, dies als „sensiblen“ Inhalt zu zeigen. Man sieht schließlich viele davon im Supermarkt und ich bin mir bei den meisten sicher, dass sie nicht in Freilandhaltung gelebt haben, so wie der Hahn auf diesem Bild.Tadas Kazakevicius, Fotograf

Auch der Fotograf des Bildes war über­rascht, als er davon hörte. Tadas Kazakevicius gehört mit diesem Foto zu den Fina­listen des „Leica Oskar Barnack Award“. Die Aufgabe des Wett­bewerbs war es treffender­weise, die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umwelt in Frage zu stellen. „Das Foto gehört eigent­lich zu meiner Bild­strecke über das Verschwin­den von Dörfern in Litauen. Im Grunde stand keine große Idee dahinter. Für mich hatte es einfach etwas Symbo­lisches. So etwas zu sehen war in meiner Kind­heit ganz normal. Ich empfinde es als seltsam, dies als „sensiblen“ Inhalt zu zeigen. Man sieht schließlich viele davon im Super­markt und ich bin mir bei den meisten sicher, dass sie nicht in Freiland­haltung gelebt haben, so wie der Hahn auf diesem Bild.“

Verschläft Instagram hier gerade ebenso den Zeitgeist wie bei der Zensur von nackten Frauenbrüsten?

Wie passt diese Handlung in eine Zeit, in der Menschen vermehrt eine Beziehung zu ihren Lebens­mitteln suchen? Eine Zeit, in der die gläserne Metzgerei „Kumpel und Keule“ massiv von Presse und Kunden gefeiert wird und „Nose to Tail“, also die Verar­beitung des ganzen Tiers, von höher­preisigen Restaurants wie dem „Wolfs Junge“ in Hamburg wieder salonfähig gemacht wird. Verschläft Instagram hier gerade ebenso den Zeit­geist wie bei der Zensur von nackten Frauenbrüsten, gegen die Künstler derzeit Sturm laufen? Versucht uns hier ein Konzern seine Auffassung davon aufzu­drängen, was in die Öffent­lichkeit gehört und was nicht? Oder entspricht Instagram hier tat­sächlich dem, was die meisten User als ange­messen ansehen?

Für eine Gesellschaft, die Fleisch bewusster konsumiert

Vielleicht ist es letz­teres. Denn auch, wenn das Foto des geschlach­teten Hahns erschreckend ästhetisch ist, es bleibt ein totes Tier. Für Menschen, deren all­täglicher Feed eher aus Fotos von Feelgood-Momenten und beschwingenden Achtsamkeits-Quotes besteht, eventuell zu real. Doch die Realität ist: Wer Fleisch essen will, muss dafür ein Tier töten. Ein Tier, das ein Herz, Augen und Gefühle hat. Wenn sich jeder von uns jedes Mal damit auseinander­setzen müsste, bevor er eine Packung Hähnchen­brustfilet in seinen Einkaufs­wagen schmeißt, würden viele Menschen Fleisch wohl deutlich bewusster konsumieren. Eine andere Form der Acht­samkeit, die wir als Gesell­schaft kultivieren und dann auch auf Instagram zeigen sollten. Zum Beispiel mit Fotos wie diesem.

Foto: Tadas Kazakevicius

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