Der Tag des toten Hahns

Auf der Suche nach Entspannung und Abstand vom Hamburger Stadttrubel sind wir für ein paar Tage auf einen Bio-Bauernhof in Franken geflüchtet. Doch wir verraten schon vorab: So viel Ruhe und Kraft uns dieses Wochenende geben wird, ein Hahn namens Günther wird es nicht überleben.

Urlaub auf einem fränkischen Bio-Bauernhof. Nach Monaten voller durchgearbeiteter Nächte, Deadlines und kaum nennenswerter Wochenenden mussten wir nicht lange überlegen, ob wir diese Einladung annehmen. Mit dem Flieger geht es von Hamburg nach Nürnberg, von wo wir mit unserer Freundin Sybille mit dem Auto zum Hof ihres Cousins fahren. Schon bald werden die Kühe und Felder mehr, Menschen, Autos und Handyempfang weniger. Nach einer Stunde erreichen wir den Gasthof Fetz in Götteldorf. Ein Ort in Mittelfranken mit nicht einmal 150 Einwohnern. Für uns bedeutet das vor allem eins: Ruhe. Genau die strahlt auch Johannes Fetz aus als er uns nach unserer Ankunft begrüßt und uns seinen Biohof zeigt. Rinder, Schweine, Gänse, Hühner und eine hinreißende Hundedame namens Lily, die uns das kommende Wochenende nicht von der Seite weichen wird – alle sind sie da, wie in unseren kühnsten Bullerbü-Träumen.

Wer Fleisch essen will, muss dafür ein Tier töten

Ein bisschen weniger heile Traumwelt, dafür umso mehr Realität: Getrennt von den anderen freilaufenden Hühnern wartet bereits ein Hahn auf uns. „Für unser Essen am Sonntag muss der noch geschlachtet werden“, verkündet Johannes. Wir schlucken und taufen den hübschen Kerl noch kurzfristig auf den Namen Günther bevor der Bio-Bauer ihn einfängt. Das Schlachten selbst verläuft unaufgeregt. Nichts ist geschönt, aber auch nichts dramatisiert. Alles ist geradezu normal. Und genau das ist Schlachten auf einem Bauernhof: Normalität. Ein gekonnter Schlag auf den Kopf, damit das Tier bewusstlos wird, dann hackt Johannes ihm den Kopf ab. Zwei Sekunden später landet der bereits im Maul von Hündin Lily. Johannes dreijährige Tochter Franzi schaut dabei zu und stellt Fragen, die ihr ihr Papa ehrlich und ruhig beantwortet. Als wir dem kopflosen Günther ein letztes Mal durch sein warmes Federkleid streichen, wird uns noch einmal bewusst: Wer Fleisch essen will, muss dafür ein Tier töten.

Und es klingt paradox, aber mit Bildern von aberwitzig großen Hühnerfarmen im Kopf, wo tausende von Tieren auf engstem Raum zusammengefercht werden, um unter großem Stress in Massen geschlachtet zu werden, fühlt sich das hier irgendwie richtig an. Denn wir wissen mit ziemlicher Sicherheit, dass die meisten Hühner und Hähne, die wir bereits in unserem Leben verspeist haben, nicht im Ansatz so ein schönes Leben hatten wie unser Günther – mit einer riesigen Weide, Sonnenlicht und Zeit, zu einem wunderschönen und stolzen Tier heranzuwachsen. Ein paar Minuten später rupfen wir dem in warmes Wasser getauchten Günther seine hübschen Federn aus, bevor ihn Johannes ausnimmt. So einen engen Bezug zu seinem Fleisch hatte noch keiner von uns.

Erde erdet: Ab aufs Feld!

Auf dieses nachdenklich stimmende Erlebnis folgt etwas befreiend Leichtes. Eine Treckertour über die Felder, die zu dem Biohof gehören und die Johannes mit seiner Familie bewirtschaftet. Wir fahren einen Moment bis wir zu einer Weide mit einem kleinen Weiher kommen, in dem im Herbst Karpfen geangelt werden. Auf den Grünflächen dazwischen grasen die Kühe. Für ein paar Minuten können wir einfach nur dastehen und den Tieren dabei zuschauen, wie sie genüsslich ihr Gras mampfen. Was für ein schönes Fleckchen Erde. Doch auf einem Hof gibt es viel zu sehen und zu tun. Zum Fleisch brauchen wir noch Kartoffeln und die gibt es – natürlich – frisch vom eigenen Feld. Also geht es weiter. Dieses Mal mit Felix als Fahrer, der zum ersten Mal hinter dem Steuer eines Treckers sitzt und es dafür beeindruckend gut macht.

Auf dem Kartoffelacker angekommen erklärt uns Johannes, wie wichtig es ist, auf den Feldern eine Fruchtfolge einzuhalten, um die Böden möglichst nachhaltig zu bewirtschaften, und dass Bio-Landwirtschaft viel Arbeit bedeutet, am Ende aber deutlich rentabler ist als konventionelle Landwirtschaft und gleichzeitig so viel besser ist für Mensch und Natur. Während wir in der Erde nach Kartoffeln suchen, merken wir so langsam, dass Entschleunigung nicht unbedingt etwas mit Ausruhen zu tun hat. Echten Boden in den Händen zu halten und für einen Tag mal nicht Stunden am Laptop zu sitzen, erdet und entspannt uns.

Die bayerische Art des Biertrinkens

Bevor wir am Abend müde von all den neuen Eindrücken ins Bett fallen, geht es zur „Kerwa“. Ein Dorffest, das zufällig an diesem Wochenende in Götteldorf stattfindet. Bei ein paar Bier lassen wir den Tag Revue passieren. Äußerst sympathisch: In Bayern kommen selbst die „kleinen“ Biere in 0,5-Liter-Gläsern vom Zapfhahn an den Tisch. Hier kann man es aushalten.

Weißwurstfrühstück und Sonntagsessen

Am nächsten Morgen lassen wir gemeinsam mit Johannes die Hühner aus ihrem Bauwagen, der seit kurzem das Zuhause der Hennen und Hähne ist. Anders als auf großen Hühnerfarmen dürfen die „Les Bleues“ hier zusammen über die Weide laufen. Danach geht es weiter zum Schweinefüttern. Erst dann setzen wir uns für ein Weißwurst-Frühstück mit der Familie zusammen, um uns für das große Sonntagskochen im hofeigenen Restaurant zu stärken. Koch Jan will uns zeigen, was und wie viel wir aus einem einzigen Hahn – unserem Günther – zubereiten können, wenn wir so gut wie alles von ihm verwerten. Beim gemeinsamen und fast schweigsamen Schnippeln, Braten und Anrichten wird uns klar, wie gut uns dieses Wochenende getan hat. Denn so sehr wir Hamburg lieben: Die Sehnsucht danach, aus der Stadt wegzuziehen und ein Leben auf dem Land zu führen, ist bei uns dreien bereits seit längerem groß und der Ausflug auf diesen wunderbaren Bio-Bauernhof in Franken hat sie nicht ein bisschen kleiner werden lassen. Ganz im Gegenteil.


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